Sehr zielstrebig und immer steil nach oben verläuft Michael Schumachers Weg in die Formel 1. 1987 wechselt er als 18-Jähriger vom Kartsport in die Monoposto-Klasse der offenen, einsitzigen Rennwagen. Über die Formel König und die Formel Ford gelingt Schumacher 1989 der Einstieg in die Formel 3.

Willi Weber verpflichtet ihn für seinen WTS-Rennstall und tritt fortan als Schumachers Manager auf. Schon nach einem Jahr gewinnt der junge Deutsche den Deutschland-Cup der Formel 3. Gleichzeitig nimmt ihn Mercedes für sein Junior-Team unter Vertrag. Im Team von Peter Sauber fährt Schumacher Langstreckenrennen mit Sportprototypen, die mit 920 PS Leistung schon an die damalige Formel 1 heranreichen.

Schon bei seinem ersten Einsatz beim Großen Preis von Belgien sorgt Schumacher im Jordan für Furore. - Foto: imago images / Motorsport images
Schon bei seinem ersten Einsatz beim Großen Preis von Belgien sorgt Schumacher im Jordan für Furore. – Foto: imago images / Motorsport images

Gefängnisstrafe als Chance

Im August 1991 ergibt sich dann die große Chance. „Ich war gerade bei einem Sportwagenrennen am Nürburgring, als ich erfuhr, dass Gachot wegen seiner Taxifahrer-Geschichte ins Gefängnis kommt“, erinnert sich Weber. Der etatmäßige Pilot des 1991 erstmals in der Formel 1 startenden Jordan-7UP-Teams hatte einen Taxifahrer in England mit Reizgas attackiert und war dafür Mitte August zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden.

„Jordan brauchte also einen neuen Fahrer. Ich rief Eddie in Spanien an und erzählte ihm von Michael“, so Weber. Doch der Teamchef wollte eigentlich lieber einen erfahrenen Piloten wie den Schweden Stefan Johansson oder Ex-Weltmeister Keke Rosberg verpflichten. „Ich sagte Eddie, dass Rosberg mittlerweile 43 Jahre alt ist und sprach mich für Schumacher aus“, erinnert sich der damalige Jordan-Teammanager Trevor Foster.

Sofort mit Vollgas dabei

Auch Weber bleibt hartnäckig, fragt Jordan wieviel es kosten würde, Schumacher einige Testrunden im Jordan 191 drehen zu lassen. „80.000 Pfund“, lautet die Antwort des Iren. „Ich willigte ein, schickte ihm noch am selben Abend einen Scheck und fixierte mit einem Anwalt den Vertrag“, so Weber. Schon zwei Tage später geht es für Schumacher nach England, wo er zunächst einige Tests beim Arrows-Team absolviert.

Tags darauf trifft sich der 22-Jährige an der Rennstrecke von Silverstone, wo Jordan testete, mit Teammanager Foster, Pressesprecher Ian Philipps und drei Rennmechanikern. Auf dem Südkurs hat Schumacher den Ford-Cosworth-V8-Motor von Beginn an im Griff, dreht eine schnelle Runde nach der anderen. Nach zehn Umläufen lässt Foster ihn wieder in die Box kommen. Der Deutsche solle es ruhiger angehen lassen. „Der Motor war das Aggregat für die beiden Testtage in Spa“, so Foster, „Ich wollte verhindern, dass etwas zu Schaden kommt.“

Letzte Bedenken ausgeräumt

Als Weber Schumacher bremsen will, fragt der nur: „Wo ist das Problem?“ Er darf nochmals für zehn Runden auf die Strecke und legt schnellere Zeiten hin als die festen Jordan-Piloten Bertrand Gachot und Andrea de Cesaris. Sportlich besteht damit kein Zweifel mehr an Schumachers Qualitäten. Bei 20 Testrunden für das Jordan-7UP-Team im englischen Silverstone raubt der 22 Jahre alte Deutsche den Verantwortlichen den Atem. „Es machte den Eindruck, als habe er nie etwas anderes im Leben gemacht, als Formel-1-Autos zu fahren“, sagte der damalige Teammanager Trevor Foster über Schumachers ersten Auftritt in der Motorsport-Königsklasse.

Manager Weber und der damalige Mercedes-Sportchef Jochen Neerpasch räumen Jordans letzte Bedenken aus und bieten ihm 150.000 Pfund pro Renneinsatz Schumachers sowie eine Garantiesumme von 3,5 Millionen Pfund für eine ganze Saison. Mercedes behält sich allerdings die Option vor, bei einer Rückkehr in den Formel-1-Zirkus innerhalb von drei Jahren Schumacher als Piloten verpflichten zu können. Damit ist der Einstieg des Deutschen in die Formel 1 perfekt.

Schumachers Rennen in der Premieren-Saison 1991

Schumis Premierensaison 1991
DatumGP + KursTeamQualiRennen
25.08.1991Belgien - SpaJordan-Ford7.Aus Rd. 1 (Kupplungsschaden)
08.09.1991Italien - MonzaBenetton-Ford7.5.
22.09.1991Portugal - EstorilBenetton-Ford10.6.
29.09.1991Spanien - BarcelonaBenetton-Ford5.6.
20.10.1991Japan - SuzukaBenetton-Ford9.Aus Rd. 35 (Motorschaden)
09.11.1991Australien - AdelaideBenetton-Ford6.Aus Rd. 1 (Kollision mit Alesi)

Erste Runde mit dem Fahrrad

Schon ein paar Tage später beim Großen Preis von Belgien, dem elften Saisonlauf  der Formel 1 1991, soll der Deutsche Jordan-Stammpilot Gachot ersetzen. Als Schumacher am Donnerstag vor dem Rennwochenende in Spa-Francorchamps ankommt, betritt er Renn-Neuland. Zwar hatte sein Manager Willi Weber gegenüber Jordan behauptet, sein Schützling kenne den schnellen Kurs in den Ardennen gut, tatsächlich war Schumacher aber noch nie auf der nur 100 Kilometer von seiner Heimatstadt Kerpen entfernten Strecke gefahren.

So ist der Deutsche bei seinem Debüt auf Informationen seines Teamkollegen de Cesaris angewiesen. Doch der vertröstet Schumacher immer wieder. Kurzerhand schnappt dieser sich dann das Klappfahrrad aus dem Kofferraum seine Autos und fährt die 6,94 Kilometer lange Strecke mit der berüchtigten Eau-Rouge-Kurve zwei Runden selbst ab. Dass das reicht, zeigt Schumacher schon kurz darauf im Training. Präzise und schnell lenkt er den Jordan-Ford-Cosworth 191 über den schnellen Kurs mit seinen rasanten Wechseln von Steigungen und Gefällen.

Keine Chance für den Teamkollegen

Auch in der Eau Rouge geht der Youngster nicht vom Gas und ist schon im Freitagstraining deutlich schneller als der etablierte Teamkollege de Cesaris und fällt mit seinen Zeiten nie aus den Top Ten. Im Qualifying bestätigt Schumacher den Eindruck. In 1:52,211 Minuten legt der 22-Jährige die achtbeste Runde hin. 

Da die Zeit des eigentlich schnelleren Ricardo Patrese annulliert wird, rückt Schumacher auf Position sieben vor – gemeinsam mit dem siebten Startplatz von de Cesaris beim Großen Preis von Deutschland die beste Startposition des Jordan-Teams in der gesamten Saison 1991. Den italienischen Teamkollegen distanziert Schumacher um 0,775 Sekunden und vier Plätze.

Platz vier im Warm-Up

Der Debütant gibt sich nach dem Qualifying erstaunlich entspannt. „Die ersten drei Runden waren sehr beeindruckend, Danach gewöhnt man sich sehr schnell an seine neue Umgebung. Sicher ist es etwas Außergewöhnliches, aber so speziell ist es nun auch wieder nicht“, sagt Schumacher. So hält sich seine Nervosität auch am Sonntag vor dem ersten großen Renn-Auftritt in Grenzen. Im Warm-Up erstaunt Schumacher erneut die Konkurrenz, fährt in 1:56,986 die viertschnellste Zeit. 

Alles scheint bereit für einen denkwürdigen ersten Auftritt in dem irisch-grünen Jordan-Boliden mit der Startnummer 32. Nach der Aufwärmrunde reiht sich Schumacher in der vierten Startreihe im vom Brasilianer Ayrton Senna angeführten Feld ein. Die Ampel springt auf rot, die Motoren jaulen auf. Ein Licht nach dem anderen erlischt, dann ist der Start freigegeben.

Raketenstart auf Platz fünf

Schumacher kommt in seinem Jordan perfekt weg, schießt zwischen Benetton-Pilot Nelson Piquet und dem Ferrari von Jean Alesi hindurch auf Position fünf vor und auf die erste Kurve zu. Als er herunterschalten will, passiert es: Die Kupplung des Jordan 191 versagt, weiterfahren unmöglich. Schon kurz nach dem Start muss Schumacher seinen Wagen ausrollen lassen. Ganze 400 Meter dauerte sein Formel-1-Debüt, bei dem Senna einen Start-Ziel-Sieg einfährt und weitere Punkte auf dem Weg zum dritten WM-Titel sammelt. 

Trotzdem ist die Premiere des jungen Deutschen ein voller Erfolg. Schumacher wechselt schon im nächsten Rennen zum Benetton-Ford-Team, für das er die letzten fünf Rennen 1991 fährt. Die WM-Fahrerwertung 1991 schließt Michael Schumacher mit vier Punkten auf Platz zwölf ab. Das Jahr darauf holt er im Benetton in Spa seinen ersten Grand-Prix-Sieg und wird 1994 erstmals Weltmeister, bevor er 1996 zu Ferrari wechselt und seine einmalige Formel-1-Karriere fortsetzt. (db + anhe)